Dichterviertel Pankow

von Boxer-Dieter.

Toreingang zum Bürgerpark

Unsere diesjährige Rundfahrt endet im 'Dichterviertel' Pankow, nicht im Regierungsviertel, wie Pankow nach 1949 genannt wurde. Wir treffen uns auch nicht im Schlosspark, sondern im Bürgerpark mit seinem stolzen Toreingang.

Mitten auf der Liegewiese - zwischen der Bronzestatue des Schriftstellers und ersten Kulturministers der DDR - Johannes R. Becher - und der Natursteinbüste des großen Schriftstellers Heinrich Mann - eine kleine, ehrenamtlich betriebene Parkbibliothek. Wir stöbern in Geschichte und Geschichten

  1. Die Becher-Statue von Fritz Cremer war zunächst für den Standort des Ministeriums für Kultur am Molkenmarkt gedacht; aber der Minister mit den Händen in den Hosentaschen!? - undenkbar - also "Versetzung" nach Pankow.
  2. Dem "Barrikaden-Tauber" Ernst Busch begegnen wir zum zweiten Mal. In der Leonhard-Frank-Straße Nr. 11 hatte er nach Kriegsende sein Haus; ganz in der Nähe, auf dem Pankower Friedhof III, liegt sein Grab.
  3. Im Nordend-Krankenhaus starb, vollständig von der Außenwelt isoliert, am 4. Mai 1938 an den Folgen der KZ-Haft der Hauptschriftleiter der "Weltbühne" und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky. Sein Urnengrab in der Buchholzer Straße musste damals anonym bleiben.
  4. Im Prominentenviertel am Majakowskiring bewohnte Hans Fallada, der Autor von "Kleiner Mann - was nun?", "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" oder "Der eiserne Gustav" eine von Johannes R. Becher Becher besorgte Villa. Die Urne des 1944 Verstorbenen wurde später nach Carwitz in MVP überführt.

1969 notierte Horst Krüger, Autor von "Jugend in Deutschland" und "Das zerbrochene Haus" über das Dichterviertel der Hauptstadt: rund um den Heinrich-Mann-Platz wohnen sie in vielen kleinen grünen Inseln der Poesie.

Hier "in Pankow bei Schönhausen eine Stunde von Berlin" fand bereits 1887 der Schriftsteller Arno Holz ein Domizil in der damaligen Victoriastraße 4 (heute Majakowskiring) und beschrieb es so: unsere kleine Bude hing luftig wie ein Vogelbauerchen mitten über einen wunderbaren Winterlandschaft.

Um die Jahrhundertwende zogen in die Parkstraße Nr. 25 der Lyriker Richard Dehmel und der "hinreißend Chopin spielende" polnische Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski ein und trafen hier viele gleichgesinnte Naturalisten: Das Haus schien auf dem höchsten Punkt Berlins zu stehen, denn von den Fenstern ... entfaltete sich ein unvergleichlicher Blick über das riesige Meer von Dächern, Kuppeln, Fabrikschornsteinen.

Das alte Lied

Die Rosenknospe gab sie mir,
ein weh Lebwohl klang nach,
ich wollte Lächeln, als ich ihr
dafür ein Lied versprach.
Ihr stand ein Tränchen im Gesicht,
und lächeln wollte sie auch;
doch lächelten wir beide nicht,
das ist so Abschiedsbrauch.
Jetzt lächel ich in einem fort,
und ihr ist nicht mehr weh;
die Rosenknospe ist verdorrt,
das Lied ist aus - juchhe!

Richard Dehmel (1863 - 1920), deutscher Dichter, Lyriker, Dramatiker und Kinderbuchautor, ist einer der populärsten deutschen Lyriker. Seine Gedichte werden u.a. von Richard Strauss vertont.

Im Gedenken an den tschechischen Schriftsteller und Journalisten Julius Fucík (1903-1943) steht im Bürgerpark (nahe der Cottastraße) ein Ensemble von fünf Stelen für den 1943 in Plötzensee Erhängten. In den dreißiger Jahren arbeitet Julius Fucík als Journalist und Schriftsteller für die Kommunistische Partei in der Tschechoslowakischen Republik. Nach der gewaltsamen Besetzung der Tschechoslowakei durch die Wehrmacht und der anschließenden Umwandlung in das "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren" setzt Fucík seine Arbeit in der kommunistischen Widerstandsbewegung fort, bis er im April 1942 in Prag von der Gestapo verhaftet wird. Im Mai 1943 wird Julius Fucík nach Deutschland verschleppt, zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 7. auf den 8. September 1943 gemeinsam mit 185 anderen Verfolgten des NS-Regimes in Berlin-Plötzensee ermordet. Aus seiner "Reportage, unter dem Strang geschrieben," sind seine letzten Worte eingearbeitet: Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!

In der Dusekstraße Nr. 14-22 erinnert im Garten eine lebensgroße Darstellung an Anne Frank, die 1945 im KZ Bergen-Belsen umkam. Willi Bredel, Erich Weinert, Stephan Hermlin und Friedrich Wolf lebten und arbeiteten hier vor und nach dem 2. Weltkrieg. Bis 1989 gab es in Pankow zwei wichtige Archive und Gedenkstätten für Arnold Zweig und Johannes R. Becher. Aus späterer Zeit sind uns einige namhafte Pankower Schriftsteller und Schriftstellerinnen bekannt: Monika Maron, Heinz Knobloch, Christa Wolf und Wolfdietrich Schnurre.