Dorotheenstädtischer Friedhof

von Ralf

Der Club an einem Grab

Auf dem 1762 angelegten und bis 1826 mehrmals vergrößerten Friedhof wurden z.B. die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte begraben, die Schriftsteller Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Arnold Zweig und Anna Seghers, der Regisseur Heiner Müller, die Baumeister Friedrich August Stüler und Karl Friedrich Schinkel, der Künstler John Heartfield, die Schauspielerin Helene Weigel und der Buchdrucker Ernst Theodor Litfaß. Alt-Bundespräsident Johannes Rau hat seit 2006 ein Ehrengrab auf dem Friedhof.

Beim Spaziergang über den Friedhof sind zudem unzählige künstlerische Bildhauerarbeiten zu bewundern. Das älteste klassizistische Grabmal ist aus dem Jahre 1807: für den verstorbenen Fabrikanten Jacob Fröhlich. Die Büste für den Industriellen August Borsig stammt von Christian Daniel Rauch. Am Eingang zum Friedhof befindet sich das Bertolt-Brecht-Haus.

Geschichte

Hier befinden sich die letzten Ruhestätten vieler Persönlichkeiten der berlinischen, preußischen und deutschen Geschichte.

Für die Gemeinden der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Kirche wurde 1763 der Acker hinter dem Oranienburger Tor als Begräbnisplatz angelegt. Erste Bestattungen fanden im Jahre 1770 statt. Zwischen 1814 und 1826 wurde der Dorotheenstädtische Kirchhof dreimal erheblich vergrößert. 1834 erwarben die Dorotheenstädtische Gemeinde in der Liesenstraße (Wedding) und die Friedrichswerdersche Gemeinde in der Bergmannstraße (Kreuzberg) neues Land. Diese beiden Kirchhöfe bestehen noch heute und gehören den nach 1945 zusammengelegten Gemeinden. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde der Kirchhof an der Chausseestraße zeitweise wegen Überfüllung geschlossen. Als 1889 die angrenzende Hannoversche Straße verbreitert werden sollte, wurden Teile des Geländes verkauft und die dort befindlichen Grabstellen von Hegel, Fichte, Klenze und anderen an ihren jetzigen Ruheort umgebettet. Durch die später eingeführte Feuerbestattung reichte der vorhandene Platz nunmehr aus, zumal jetzt auch auf die beiden Kirchhöfe in der Liesen- bzw. Bergmannstraße zurückgegriffen werden konnte.

Im zweiten Weltkrieg wurde der Dorotheenstädtische Kirchhof stark zerstört. Seit 1950 pflegt und schützt die Denkmalpflege die erhaltenswürdigen Grabmale. Außer der Dorotheenstädtischen Gemeinde besaß noch die ehemalige Akademie der Künste der DDR das Recht, hier Bestattungen vorzunehmen.

In dieser traditionellen Begräbnisstätte deutscher Künstler, Gelehrter und Politiker ist die Berliner Grabmalkunst des 19. Jahrhunderts fast vollständig vertreten. Eine Reihe von Grabmälern wurde von bedeutenden Bildhauern und Baumeistern des preußischen Klassizismus geschaffen, wie Schinkel, Schadow, Rauch und Tieck.

Das Luther-Denkmal

Das Standbild auf dem Hauptweg wurde nach einem Modell von Johann Gottfried Schadow dem Lutherstandbild in Wittenberg von 1821 nachgebildet. Die Marmorkopie auf dem Kirchhof führte 1909 Ernst Waegener aus.

Das 2,20 Meter hohe Denkmal stand zunächst in der Dorotheenstädtischen Kirche. Als diese im November 1943 von Bomben getroffen wurde und bis auf die Grundmauern ausbrannte, war das Denkmal glücklicherweise vorher gerettet worden. Es wurde in der St. Marienkirche nahe dem Alexanderplatz zwischengelagert und steht seit 1975 auf diesem Kirchhof.

Namensliste der Grabstätten (Auswahl)

Erich AHRENDT (1903-1984)
Lyriker, Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime
Rudolf BAHRO (1935-1997)
Philosoph
Johannes R. BECHER (1891-1958)
Dichter, Kulturpolitiker. Tritt als expressionistischer Dichter in die Literatur ein. Nach Exil in der Sowjetunion Kulturminister in der DDR (1954/58). Bekannt durch Gedichtsammlungen, Prosa (Roman "Abschied") und Dramatik ("Die Winterschlacht").
Ruth BERGHAUS (1927-1996)
Regisseurin, Choreographin
Wilhelm BEUTH (1781-1853)
Staatsbeamter. Gilt als "Vater der preußischen Industrie". Gründet den Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes und 1821 die Technische Gewerbeschule. Direktor der Bauakademie. Aus beiden entsteht die TH Charlottenburg (1946 TU Berlin).
Dietrich BONHOEFFER (1906-1945)
Evangelischer Theologe. Studentenpfarrer in Berlin. Gründet 1933/34 mit Martin Niemöller den Pfarrernotbund. Führender Kopf der Bekennenden Kirche. Aktiv im Widerstand gegen Hitler. 1943 verhaftet; im April 1945 im KZ Flossenburg gehängt. Gedenkstätte
August BORSIG (1804-1854)
Firmengründer. Entwickelt aus einer kleinen Schlosserwerkstatt (1837) die Borsigsche Eisengießerei & Maschinenfabrik (Stammhaus gegenüber dem Friedhofseingang). Wird mit dem Bau eigener Lokomotiven zum Lokomotivenkönig von Berlin.
Bertolt BRECHT (1898-1956)
Dramatiker und Lyriker. Mit der Dreigroschenoper (Berlin 1928, Musik K. Weill) weltbekannt. Nach Rückkehr aus dem Exil (u.a. USA) einer der erfolgreichsten Bühnenautoren der Welt, z.B. Der kaukasische Kreidekreis und Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Gründer des Berliner Ensembles.
Arnolt BRONNEN (1895-1959)
Österreichischer Schriftsteller und Publizist. Mit spätexpressionistischen Dramen bekannt geworden. Wandelt sich vom Parteigänger der Nazis zum Teilnehmer am bewaffneten antifaschistischen Widerstand in Österreich. 1954 Autobiographie. Siedelt 1955 in die DDR über.
Gottlieb Christian CANTIAN (1794-1866)
Steinmetz und Bildhauer. Unbesoldeter Stadtbaurat; Schöpfer der Granitschale vor dem Alten Museum und der Friedenssäule auf dem heutigen Mehring-Platz. An Schinkelbauten beteiligt.
Slatan DUDOW (1903-1963)
Regisseur (Kuhle Wampe)
Paul DESSAU (1894-1979)
Komponist. Ab 1942 Zusammenarbeit mit Brecht; schreibt Bühnenmusiken u.a. zu Mutter Courage und zeitgenössische Opern wie Die Verurteilung des Lukullus und Einstein. Musikerzieher. Komponiert Massenlieder und Musik für Kinder.
Hanns EISLER (1898-1962)
Komponist. Gilt als einer der Hauptvertreter der modernen Musik (Schüler von A. Schönberg). Zusammenarbeit mit Ernst Busch und Brecht. Schreibt über 600 Lieder, auch Kantaten und Sinfonien sowie Musik zu rund 40 Filmen.
Erich ENGEL (1891-1966)
Regisseur. Inszeniert große Bühnenerfolge von Brecht: Im Dickicht der Städte, Dreigroschenoper, Mutter Courage u.a.. Seit 1930 auch als Filmregisseur bekannt (Pygmalion, Affaire Blum u.a.).
Fritz ERPENBECK (1897-1975)
Schriftsteller, Publizist (Roter Pfeffer, Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, Das Wort). Gemeinsam mit seiner Frau Edda Zinner.
Erich FRANZ (1903-1961)
Schauspieler. 1951 von Brecht als Laienschauspieler an das Berliner Ensemble geholt. Durch zahlreiche Theaterrollen und die Mitwirkung in Spielfilmen (oft Arbeitergestalten) einer der populärsten Schauspieler der DDR.
John HEARTFIELD (1891-1968)
Fotografiker. Entwickelt unter dem Einfluss des Dadaismus die Fotomontage zur eigenständigen Kunstgattung. Wird als Buchillustrator des Malik-Verlages und Titelgestalter der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung weltberühmt.
Georg Wilhelm Friedrich HEGEL (1770-1831)
Philosoph. Bedeutendster Kopf der klassischen deutschen Philosophie. Übernimmt 1817 den Lehrstuhl von Fichte an der Berliner Universität. Rektor 1830. Analysiert in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie die bisherige Entwicklung des philosophischen Denkens.
Stephan HERMLIN (1915-1997)
Schriftsteller.
Wieland HERZFELDE (1896-1988)
Verleger und Schriftsteller, Bruder von John Heartfield
Friedrich HOFFMANN (1818-1900)
Ingenieur und Unternehmer. Erfinder des Ziegelringofens zum ununterbrochenen Betrieb bei der Zement- und Ziegelherstellung. Macht sich um die Qualitätsprüfung von Baumaterialien verdient.
Wilhelm von HUFELAND (1762-1836)
Arzt. Leibarzt des preußischen Königs, zuvor in Weimar (Patienten u.a. Goethe und Schiller). Kommt 1800 an die Berliner Charite; erwirbt sich Verdienste um die Einführung der Pockenschutzimpfung.
Lin JALDATI (1912-1988)
Tänzerin und Sängerin. Interpretin jiddischer Lieder, auch von zeitgenössischem Liedgut. Überlebt Auschwitz und Bergen-Belsen. Seit 1945 mit eigenen Programmen in Europa unterwegs. Übersiedelt 1952 mit ihrem Mann E. Rebling aus den Niederlanden in die DDR.
Jürgen KYCZYNSKI (1904-1997)
Wirtschaftshistoriker, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler.
Wolfgang LANGHOFF (1901-1966)
Schauspieler, Regisseur. Einer der großen Mimen und Regisseure der deutschen Theatergeschichte. 1933/34 KZ-Haft. Schweizer Exil, Schauspieler am Züricher Schauspielhaus. 1946-1963 Intendant des Deutschen Theaters in Berlin.
Ernst Theodor LITFASS (1816-1874)
Buchdrucker. Erfinder der nach ihm benannten Anschlagsäulen für Ankündigungen und Werbung (Litfaßsäule); erhält 1854 die Konzession, 150 seiner Säulen in Berlin aufzustellen.
Heinrich MANN (1871-1950)
Romancier und Novellist. Hinterlässt 18 Romane - u.a. Der Untertan. Stirbt im Exil in Santa Monica/Kalifornien; sein Leichnam wird nach Berlin überführt.
Bernhard MINETTI (1905 - 1998)
Schauspieler
Heiner MÜLLER (1929-1995)
Dramatiker, Regisseur, Intendant (Berliner Ensemble)
Johannes Rau (1931-2006)
Bundespräsident
Christian Daniel RAUCH (1777-1857)
Bildhauer. Schüler Schadows. Schöpfer des Reiterstandbildes Friedrich II. (Unter den Linden) und der Statuen preußischer Heerführer nahe dem Kronprinzenpalais.
Hans Jose REHFISCH (1891-1960)
Dramatiker. In den 20er Jahren einer der meistgespielten deutschen Bühnenautoren. Zusammenarbeit mit Piscator. 1933 verhaftet. Im Exil Mitarbeit an deutschsprachigen Sendungen der BBC. Inszeniert seit 1957 seine Stücke in der DDR.
Herbert SANDBERG (1908-1991)
Grafiker und Zeichner. Mitarbeiter an politischen und satirischen Zeitschriften. Künstlerische Auseinandersetzung mit dem Faschismus nach Zuchthaus und KZ (1934-1945) u.a. in einem Grafikzyklus über Buchenwald. Bekannt durch Künstlerporträts.
Gottfried SCHADOW (1764-1850)
Bildhauer. Übernimmt mit knapp 25 Jahren das Amt des Hofbildhauers; entwickelt sich schnell zum ersten Bildhauer des Landes. Schafft an die 300 Bildwerke, darunter die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Direktor der Kunstakademie.
Karl Friedrich SCHINKEL (1781-1841)
Architekt, Baumeister und Maler. Preußischer Klassizismus: u. a. Altes Museum, Schauspielhaus, Friedrichswerdersche Kirche (heute Schinkel-Museum). Universeller Künstler von enormem Fleiß - auch als Maler, Bühnenbildner, Möbeldesigner.
Louis SCHWARTZKOPFF (1825-1882)
Industrieller. Gründet 1852 in der Chausseestraße eine Gießerei- und Maschinenfabrik (als Berliner Maschinenbau AG ab 1870 im Lokomotivbau erfolgreich).
Anna SEGHERS (1900-1983)
Schriftstellerin. Erzählerin von Weltruf. Internationaler Erfolg u.a. mit dem Roman Das siebte Kreuz, geschrieben 1942 im Exil, in Hollywood verfilmt. Nach 1945 Mitbegründerin des Schriftstellerverbandes in Berlin.
Günther SIMON (1925-1972)
Filmschauspieler. Populärer Darsteller in DEFA- und Fernsehfilmen. Verkörperte vorwiegend heroisierende Arbeiterfiguren.
Johann Heinrich STRACK (1805-1880)
Baumeister. Als Nachfolger von Schinkel und Stüler einer der preußischen Hofarchitekten. Lehrer an der Kunst- und Bauakademie. Baut u. a. die Siegessäule und die Nationalgalerie, die Petri- und Andreaskirche.
Friedrich August STÜLER (1800-1865)
Architekt der "Nach-Schinkel-Generation", Erbauer des Neuen Museums im Bezirk Mitte, Oberbaurat.
Bodo UHSE (1904-1963)
Schriftsteller. Seit 1927 Redakteur nazistischer Blätter; 1930 Bruch mit der NSDAP und Kontakt zur KPD. Wirkt ab 1933 im Exil (Paris, Spanien, Mexiko). Rückkehr 1948. Romane mit autobiografischen Zügen, u.a. Wir Söhne (1948).
Helene WEIGEL (1900-1971)
Schauspielerin, Intendantin. Feiert ihre größten schauspielerischen Erfolge - so als legendär gewordene Mutter Courage - im Berliner Ensemble, das sie mit Brecht (seit 1928 mit ihm verheiratet) im November 1949 gründet und bis zu ihrem Tode leitet.
Arnold ZWEIG (1887-1968)
Schriftsteller. Beginnt in Berlin mit Der Streit um den Sergeanten Grischa seinen großen Roman-Zyklus über den 1. Weltkrieg. Emigriert 1933 nach Palästina. Nach seiner Rückkehr nach Berlin (1948) Präsident der Akademie der Künste (1950/53).