An der Grabstätte von Adolf Glaßbrenner

von Helmut.

Adolf Glaßbrenner bürgerlich: Georg Adolph Glasbrenner; weiteres Pseudonym: A. Brennglas (geb. 27. März 1810, gest. 25. Oktober 1876 in Berlin) war ein deutscher Humorist und Satiriker.

Nachdem er mit 14 Jahren das Gymnasium verlassen musste und eine kaufmännische Lehre begann, beschloss er 1830 Journalist und freier Schriftsteller zu werden. Seit 1832 war er Herausgeber des Berliner Don Quixote. Wegen politischer Anspielungen wurde er ein Jahr später mit einem fünfjährigen Berufsverbot belegt. Daraufhin wurde er Verfasser sehr erfolgreicher Groschenhefte, die meist im Berliner Dialekt erschienen. Wegen seiner politischen und sittlichen Satire wurde er immer wieder zensiert und bis zum Ausbruch der Revolution ausgewiesen. Ab 1850 gab er in Hamburg humoristische Zeitschriften heraus. Erst 1858 kam er wieder nach Berlin und verlegte seit 1868 die Berliner Montagszeitung.

Vom kleinen Michel, wie er 'mal regieren wollte.

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
Hatte er kein Land nicht, // Konnte er nicht regieren!
Nahm seine Mutter ein Faß voll Sand,
Setzt' ihn drauf: Hier hast du Land!
Faß voll Sand! // Hast Du Land! // Allerunterthänigst!

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
Hatt' er kein Scepter nicht, // Konnt' er nicht regieren!
Nahm seine Mutter'n Knotenstock:
Hau' nur immer um dich grob!
Knotenstock! // Nur recht grob! // Allerunterthänigst!

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
Hatt' er keinen Unterthan, // Konnt' er nicht regieren!
Trieb seine Mutter herbei die Schaaf':
Hier ist Volk, getreu und brav!
Jedes Schaaf // Treu und brav! // Allerunterthänigst!

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
Hatt' er kein'n Minister nicht, // Konnt' er nicht regieren!
Rief seine Mutter den Philax her,
Schnuppert der am Sande sehr;
Philax her, // Schnuppert sehr! // Allerunterthänigst!

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
Hatt' er keine Pfaffen nicht, // Konnt' er nicht regieren!
Rief seine Mutter den Kater Schwarz:
Hier hast du was ganz Apart's!
Kater Schwarz, // Was Apart's! // Allerunterthänigst!

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
hatter er kein Geld nicht, // Konnt' er nicht regieren!
Nahm seine Mutter'n Stempelbogen,
Hat er gleich die Schaaf betrogen:
Stempelbogen, // Schaaf' betrogen! // Allerunterthänigst!

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
Hatt' er keine Weisheit nicht, // Konnt' er nicht regieren!
Sagt sein' Mutter: Allerhöchst!
War er gleich an Gott zunächst!
Allerhöchst, // Gott zunächst // Allerunterthänigst!

Unser kleine Michel // Wollte 'mal regieren:
Macht seine Mutter ihm den Spaß, // Daß er konnt' regieren;
Kam sein Vater mit der Knut':
Spielst zu frech, das thut nicht gut'
Nie regieren, // Nur pariren // Allerunterthänigst!

Anmerkungen

Philax
gri. Wächter; im Gedicht steht es für Polizei.
Urkunde
für deren Ausstellung eine Gebühr an den Staat abgeführt werden musste; hier für: (indirekte) Steuer.
von Gottes Gnaden
Anspielung auf den Legitimationsanspruch der Könige und Fürsten in Deutschland, dass sie ihr Amt Von Gottes Gnaden hätten. (Das Gedicht stammt von 1848)
Knut
ist eine russische Lederpeitsche.

Insgesamt sind Glassbrenners Jahre in Neustrelitz außerordentlich fruchtbar für sein literarisches Werk:

An erster Stelle steht aber wohl Glassbrenners größtes und bedeutendstes Werk Der neue Reineke Fuchs, der 1845 bei Lorck in Leipzig herauskommt. Das ganze Werk ist in Versform geschrieben. Ein Werk, welches auch heute noch nicht an Bedeutung verloren hat. Reineke, Symbol des finstersten Jesuitentums, hat seine Macht im Tierreich errichtet - wie es ihm zukommt, mit List, Tücke, Betrug, Unterdrückung, Spitzelei und Demagogenverfolgung. Doch das Volk der Tiere entledigt sich am Ende seiner Herrschaft, verprügelt ihn und jagt ihn zum Teufel. Und nun das Wichtigste: Glassbrenner mahnt am Schluss, man müsse auch nach dem endlich errungenen Anbruch der Freiheit auf der Hut sein, denn:

Der Fuchs und das Fuchsitenkind
Sind schlaue schuft`ge Leute
Und wenn sie nicht gestorben sind,
So leben sie noch heute.

Auch nach der Revolution von 1848 übte er politische Kritik. Dieses und andere Gründe führten zur Ausweisung aus Mecklenburg-Strelitz. Das Ehepaar Glasbrenner wandte sich nach Hamburg, wo die Peroni eine Theaterschule gründete, aus der bedeutende Schauspielerinnen hervorgingen.

Eckensteher Nante

Wer kennt ihn nicht, den legendären Berliner Dienstmann mit der polizeilichen Konzessionsnummer 22? Mit seinem ledernen Tragegurt auf Gelegenheitsarbeit wartend, kommentiert er das an ihm vorüberziehende Leben mit treffendem Mutterwitz - eine Verkörperung des Berliner Volkshumors. Was ist die Geschichte von Nante?

Der idealisierte Nante hat ein Vorbild aus dem richtigen Leben, den Dienstmann Ferdinand "Nante" Strumpf. Sein Standort war die "Ecke" König-/Neue Friedrichstraße, vor der Destillation Eulner. Hier konnte er sich seinen von dem vielen Gerede trockenen Mund wieder anfeuchten. Unsterblichen Ruhm erlangt er durch das Volksstück "Eckensteher Nante im Verhör", das 1833 im Königsstädter Theater mit dem Schauspieler Friedrich Beckmann in der Hauptrolle uraufgeführt wird. Adolf Glassbrenner erhebt Nante mit seinen humoristischen Blättern und Heften dann endgültig zur Urfigur des Berliner Witzes - einem Original, das oft kopiert und für das immer neue Geschichten erfunden werden. Siehe hierzu: http://www.zlb.de/projekte/1848/kap4/

Friedrich Beckmann: Eckensteher Nante

Det beste Leben hab ick doch,
Ick kann mir nich beklagen,
Pfeift ooch der Wind durchs Ärmelloch,
Det will ick schon vertragen.
Det Morgens, wenn mir hungern duht,
Eß ick 'ne Butterstulle;
Dazu schmeckt mich der Kümmel jut
Aus meine volle Pulle.

Een Eckensteher führt uff Ehr
Det allerschönste Leben,
Man friert anjetzt zwar manchmal sehr,
Doch bald is det zu heben.
Von außen hau ick mit de Faust
Mir in de Seit und Rücken,
Un wenn een Scheegestöber saust,
Muß Kümmel mir erquicken.

Ick sitz mit de Kam'raden hier,
Mit alle, groß und kleene;
Beleidigt ooch mal eener mir,
So stech ick ihm gleich eene.
Un drag ick endlich mal wat aus,
So kann ich Groschens kneifen;
Hol wieder meine Pulle raus
Un duhe eenen pfeifen.

Am Weihnachtsfeste hab ick Ruh
Von wegen meiner Ollen;
Sie wäscht und plätt' und spült dazu,
Un ick helf manchmal rollen.
Un kommt der Christmarcht erscht heran,
Gibt's allgemeinen Frieden:
Sie macht Rosinenmänner dann,
Un ick bau Pergemiden.

Ich seh manchmal, wenn große Herrn
Hinein ins Weinhaus gehen,
Da steh ick denn so still von fern,
Duh uf den Kümmel sehen
Un denk bei mir: 's ist ganz egal,
Ob Wein, ob Schnaps im Glase,
Von beeden kriegt man allemal
Doch eene rote Nase.

Ick brauche keen Vergnügen nich,
Keen Tivoli un Bälle;
Hält mir man meine Ecke Stich,
Hab ick die schönste Stelle.
Der Kümmel rutscht alleene hier,
Verjagt mir jeden Kummer,
Un hab ick diesen stets bei mir,
Blüht immer meine Nummer.

Komm ick det Abends nu zu Haus,
Will meine Olle brummen,
So lang ick bloß die Pulle raus,
Un gleich duht sie verstummen.
Sie nimmt 'nen Schluck, un des beweist,
Wie schätzenswert die Gabe;
Der Kümmel is mein guter Geist,
Durch den ick Ruhe habe.

Steh ick so an die Ecke nu,
Un scheint die liebe Sonne,
Da Semmel, Hering, Kümmel zu,
Ach, det is eene Wonne.
Kommt nu de Wache anmarschiert
Mit Trommeln un Trompeten,
Da geht, weil des den Nante rührt,
Der letzte Sechser flöten.

Nee, nee, der Nante is nich dumm,
Nachgrade kriegt er Bildung,
Er dient ja stets dem Publikum,
Des seht man an die Schildung.
Zu Ihrem Dienst sehr gern bereit,
Wenn Sie's befehlen, danz ick,
Un hat der Nante Sie erfreut -
Da jubelt zwee un zwanzig.

Sie können dreist uf Nanten baun,
Habn Sie mal was zu dragen;
Uff eens doch müssen Sie stets schaun,
Des will ick Ihnen sagen.
Ich drag zwar allens, leicht un schwer,
Gradzu, ohn alle Pause,
Doch bringen Ihre Gunst Sie her,
Die drag ick mir zu Hause.