von Gabi und Bimo-Dieter
Der 21. November 1811 ist ein klirrend kalter Tag. Die Wirtsleute des Gasthofs „Stimmings Krug“ am Kleinen Wannsee sind deshalb um so mehr verwundert, als die beiden einzigen Gäste, ein junges Paar Anfang 30, Kaffee und Rum ans Ufer bestellen. Sie sind vergnügt, geradezu euphorisch. Ein Tagelöhner der kleinen Gaststätte wird später zu Protokoll geben, er habe das Paar schäkernd am Ufer entlang laufen sehen, sich jagend wie kleine Kinder. Doch kurz darauf hallen zwei Schüsse durch die Herbstlandschaft. Heinrich von Kleist hat in einer kleinen Senke erst Henriette Vogel eine Kugel ins Herz gejagt, danach eine zweite Ladung in den Pistolenlauf gesteckt und sich selbst durch den Mund ins Gehirn geschossen. Laut Obduktionsbericht schießt Kleist ihr in die Brust. Die Kugel durchschlägt ihr Herz und tritt, ohne eine Rippe zu verletzten, am Rücken wieder aus. Bei genauer Untersuchung des Leichnams zeigt sich, dass Henriette Vogel sich nicht wehrte und freiwillig in den Tod ging.
Heinrich von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren und erschoss sich am 21. November 1811 am Ufer des Kleinen Wannsees. Vor allem seine differenzierte Darstellung des Menschen im Widerstreit von individuellem moralischen Empfinden und gesellschaftlicher Norm hat seinen Ruf als einen der bedeutendsten deutschen Dramatiker begründet.
Die Kleists sind eine ausgesprochene Soldatenfamilie, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bereits achtzehn preußische Generäle hervorgebracht hatte. Gemäss der Familientradition wurde Kleist protestantisch und preußisch streng erzogen, von Liebe und Wärme in der Familie, kann bei ihm keine Rede sein. Jedoch Vater und Mutter starben zu früh, einzig zu seiner Stiefschwester Ulrike hatte Kleist ein herzliches Verhältnis.
Seine Existenz war geprägt vom Widerspruch zwischen familiären Ansprüchen und persönlichen Neigungen, dem Zwang zur Daseinsvorsorge und dem Wunsch nach freiem Ausleben seiner poetischen Neigung, der Sehnsucht nach Partnerschaft und einer aus Selbstzweifeln genährten Bindungsunfähigkeit.
Sein Missgeschick beginnt, nachdem er als 14jähriger unter moralischen Druck der anerkannten Kleistschen Familie mit ca. 50 hochdekorierten Offizieren im Nacken, im renommierten Garderegiment untergebracht wird und nach sechs Jahren den Dienst quittiert, weil ihm das „knechtisch-disziplinierte“ Wesen des Söldnerheeres missfällt. Was folgt ist ein gnadenlos entwurzeltes Dasein. Der Frühverwaiste und gesellschaftlich Missachtete sucht in seinem unmäßigen Ehrgeiz verzweifelt nach einer Tat, die ihm gesellschaftlichen Glanz und auch Wohlstand verschaffen soll.
Der Berliner Tagesspiegel bringt es in einem biografischen Aufsatz von
Adam Soboczynski sarkastisch auf den Punkt:
Kleist wechselt Städte und Berufe wie andere Leute die
Socken. Er ist Student, um sogleich sämtliche Fächer zu
belegen, Physik, Mathematik, Philosophie, Naturrecht, Kulturgeschichte,
auch Latein, warum nicht. Sein Herz, klagt er, veröde in dieser
Unentschiedenheit. überstürzt rast er quer durch Europa, mit immer
neuen Plänen geht es nach Würzburg, nach Weimar, Dresden,
Königsberg, versucht vergeblich eine Existenz als Bergbauer in der
Schweiz zu gründen und vergeblich in die napoleonische Armee gegen
England einzutreten, bis er schließlich im Frühjahr 1810 wieder
in Berlin landet.
Es ist die Zeit tiefgreifender Reformen. Verwaltung, Ökonomie und Bildung sowie der gesamte von Napoleon schmachvoll besiegte preußische Staat bedurften einer schmerzhaften Erneuerung. Kleists Freitod ist symbolische Inszenierung der Exekution einer zerstörten Preußischen Moral am Vorabend der Befreiungskriege gegen Napoleon und auch die einer verstörten Dichterseele und abgedankten Offiziers, der von der Damenwelt belächelt, beruflich, künstlerisch, gesellschaftlich und moralisch versagt hatte.
Seine letzten Wochen in Berlin sind Episoden der Wut. Er polemisiert reißerisch in den „Berliner Abendblättern“ gegen den preußischen Staatskanzler Hardenberg, bis die Zeitung durch massive Zensurmaßnahmen erdrückt wird. Er pöbelt lautstark im Preußischen Nationaltheater gegen die Intendanz, und als er als bekannter vehementer Kritiker Friedrich Wilhelms III dem Preußischen Herrscherhaus sein letztes Stück, den „Prinzen von Homburg“ überreicht, hat er den Bogen endgültig überspannt, weil darin ein General in Ohnmacht fällt. Der Hof ist indigniert und verbannt das Stück für Jahrzehnte in die Mottenkiste.
Er hätte mit seinem familiären Hintergrund durchaus Karriere machen können, denn die Schaltstellen des Staatsapparats waren für die Mitglieder des alten pommerschen Adelsgeschlechts leicht zugänglich. Seine noblen Freunde nutzten die Chance und wurden Generäle und Minister. Kleist scheiterte grandios mit all seinen Projekten und galt als Versager in der preußischen Männerwelt.
So bedrohlich die wiederkehrenden Krisen und scheiternden Projekte für Kleist einerseits waren, so sehr schlug er andererseits gerade aus solchen Erfahrungen poetisches Kapital. Der Verlust von Ordnung und Kontinuität wurde zum zentralen Motiv seiner Werke. So geht etwa in der Komödie "Der zerbrochne Krug" (1811) mit dem besagten Krug auch der Glaube an die Idylle einer heilen Welt entzwei. In der Erzählung "Das Erdbeben in Chili" (1807) wird kurzerhand die gesamte christliche Rechtfertigung Gottes zum Einsturz gebracht. Und in dem Stück "Amphitryon" (1807) stellt Kleist gar die vermeintlich letzte Gewissheit in Frage: die Identität des eigenen Ichs.
Auch seine Versuche, euphorisiert vom antinapoleonischen romantisch-patriotischen Widerstand, mit Propagandaschriften eine Position innerhalb des diffusen neuen deutschen Nationalismus zwischen rechts und links, altständischer Monarchiebewegung und nationaler Reformpolitik, zwischen Nationalpathos und reformerischem Weltbürgergeist eine Position zu erlangen, scheitern.
Die Kapitulation Preußens 1806 in Jena und Auerstädt veranlassen ihn zu apokalyptischen Prophezeiungen, doch der Prophet irrt. Zynisch behauptet er letztendlich, „....dass das allgemeine Unglück die Menschen weiser und wärmer macht.“ Im Jahre 1807, als die Franzosen Berlin besetzten, wurde Kleist als verdächtiger Spion verhaftet. Sechs Monate lang wurde er im Gefängnis in Paris eingesperrt
Hätte er etwas mehr Geduld gehabt, anstatt der romantischen Todessehnsucht zu folgen und sich völlig überreizt die Kugel zu geben, wäre er vielleicht ein gefeierter patriotischer Dichter geworden, es wäre jedoch nicht der Heinrich von Kleist, an dessen Grabstätte wir hier stehen.
Henriette Vogel ist in der Literatur fast ausschließlich als Selbstmordpartnerin Kleists bekannt. Sie hieß Adolphine Sophie Henriette Vogel und war Frau eines Agenten der Kurmärkischen Landfeuersocietät, auch war sie liebevoll sorgende Mutter ihrer Tochter und eine musterhafte treusorgende Ehefrau. Ihr Sinn für Poesie, Musik und Kunst machte sie zu einer hervorragenden Gesellschafterin, die ihre Freunde durch meisterhaftes Klavierspiel und Gesang entzückte.
Ihr zierliches und angenehmes Erscheinungsbild konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine todkranke Frau war. Sie litt an Gebärmutterkrebs, was in der damaligen Zeit einen leidvollen Tod vorhersehen ließ. Aus diesem Grunde war sie nervlich leicht reizbar, litt unter Gemütsschwankungen und äußerte mehrfach den Wunsch zu sterben. Völlig überspannte religiöse Vorstellungen ließen sie Glückseligkeit nach dem Tode und die Errettung von ihrem Leiden erhoffen.
Es war nicht verwunderlich, dass sich Kleist und Henriette Vogel aufgrund der Liebe zur Poesie und Musik, einer ähnlichen schwärmerischen Gesinnung und ihrer Neigung für trübe Stimmungslagen schnell anfreundeten, Häufig musizierten und sangen sie zusammen. Da Frau Vogel sehr aufgeschlossen für das Erlernen neuer Künste war, unterrichtete Kleist sie sogar im Fechten. Im Herbst 1811 verbrachten sie viel Zeit miteinander, was ihren Zeitgenossen nicht verborgen blieb. Das besondere Verhältnis zwischen den beiden wird anhand ihres Briefwechsels kurz vor ihrem Tod besonders deutlich, in diesen Briefen bedenken sie sich hauptsächlich mit übertriebenen Kosenamen.
Als Henriette Vogel durch einen Arzt die endgültige Klarheit über die Ausweglosigkeit ihres Gesundheitszustands bekam, fasste sie den festen Entschluss, aus dem Leben zu scheiden. Kleist, dem ihr leisester Wunsch Befehl war, billigte diesen Wunsch, den er selbst zuvor einige Male geäußert, aber nie umgesetzt hatte. Hatte ihm bis dahin eine treue Seele gefehlt, die die Initiative übernimmt und mit der der Plan gemeinsam ausgeführt werden konnte? Nun hatten sie einander gefunden.
Mein Jettchen, mein Herzchen, mein Liebes
Mein Herzensnarrchen, meine Einsamkeit, mein Schiff...
Texte sinngemäß aus Adam Soboczynski, Berliner Tagesspiegel und Stefanie Albert, Universität Bamberg