von Boxer-Dieter und Bimo-Dieter
Vor gut siebzig Jahren entstand hier, an der Schnittstelle von Wilmersdorf, Steglitz und Friedenau, die Künstlerkolonie. Ihrem städtebaulichen Konzept lag die Idee zugrunde, Wohnen und Kommunikation ins Grüne zu erweitern. Sie umgab den Laubenheimer Platz der heute Barnayplatz heißt. Als 1926 die Absicht der Stadt Berlin laut wurde, den Bau einer Künstlerkolonie zu fördern, meldete die Bühnengenossenschaft ihr Interesse an. Mit dem Schutzverband der Schriftsteller gründete sie eine "Gemeinnützige Heimstätten-Gesellschaft". Eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad sollte rund achtzig Mark kosten. Auch die größeren Wohnungen, alle gediegen gebaut und gut ausgestattet, blieben unter dem damals normalen Preisniveau. Am 30. April 1927 legte der Präsident der Bühnengenossenschaft den Grundstein. Auf ihm steht:
Aus dem Nichts schafft Ihr das Wort, und Ihr tragts lebendig fort, dieses Haus ist Euch geweiht, Euch, Ihr Schöpfer unserer Zeit.
Schriftstellerverband und Bühnengenossenschaft waren unpolitische Standesvertretungen. Sie vergaben ihre Wohnungen nicht nach politischer Gesinnung. Dennoch wurde die Künstlerkolonie vorläufige Heimstatt linker Intellektueller und profilierte sich politisch, je mehr der Nazismus an Boden gewann. In den wenigen noch verbleibenden Jahren der freien Entfaltung schöpferischer Kräfte wohnten hier die außerordentlichsten Köpfe: der Philosoph Ernst Bloch, der Romancier und Essayist Manès Sperber, der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, die Wortführer des literarischen Expressionismus, Johannes R. Becher, Walter Hasenclever, Schauspieler und Sänger Ernst Busch sowie Journalisten und Schriftsteller Arthur Koestler und Alfred Kantorvwicz.
Gustav Reglers Autobiographie "Das Ohr des Malchus" vermittelt
eine andere Atmosphäre:
Wir wohnten in einem Block, der mit Hilfe von Subventionen
gebaut und nur für Künstler bestimmt war. Es waren billige Wohnungen,
und doch bezahlte kaum einer seine Miete, weder die Gehälter noch die
sogenannten Einkünfte der freien Berufe reichten aus. In den meisten
Behausungen lag nur eine Matratze am Boden. Die Künstler aßen von
Seifenkisten, über die sie Zeitungen gebreitet hatten; keiner
verhungerte, man half sich gegenseitig und wanderte von Wohnung zu
Wohnung, man roch, wo einer Arbeit gehabt hatte und etwas Speck und
Käse zu finden war.
Die Künstlerkolonie war 1927 - 1930 von der Bühnengenossenschaft und dem Schriftsteller-Schutzbund als Gegenstück zur wohlhabenden Villenkolonie im Grunewald, wo u. a. Gerhard Hauptmann, Vicky Baum, Alfred Kerr und der Verleger Samual Fischer ihre Häuser hatten, erbaut worden.
Ungeachtet der sozialen Probleme - das Haus Kreuznacher Straße Nr. 48 beherbergte z. B. viele arbeitslose Schriftsteller und hieß deshalb "Stempelburg" - beschrieben viele Künstler ihr damaliges Domizil als "märchenhaft" oder wie Axel Eggebrecht es formulierte als "kleine Insel inmitten der Flut von Hakenkreuzen und Schwarz-Weiß-Rot, die Steglitz und Friedenau überschwemmten."
Mehr und mehr unterlagen die den Nazis verhassten Bewohner der
Künstlerkolonie zunehmender Gewalt. Spitzel inspizierten die Häuser und
legten schwarze Listen an. Mit Motorrädern und Autos patrouillierte die
SA die Straßen entlang. Und unter entrollten Fahnen marschierten die
"braunen Kolonnen" vorbei, sangen ihre "Kampflieder" und skandierten die
Parolen der "Bewegung", von denen das "Juda verrecke!" so manchen in der
Künstlerkolonie Schlimmes ahnen ließ. Bei Drohgebärden und verbaler
Einschüchterung blieb es jedoch nicht. SA und "völkische Männer"
postierten sich am Ausgang des
U-Bahnhofs Breitenbachplatz und rempelten Fahrgäste an, die nach
"zersetzender Intellektualität" aussahen und den Weg zur Künstlerkolonie
nahmen. Wenn jemand aufzubegehren wagte, wurde er niedergeschlagen.
Wer bei uns lebte, war gefährdet
, schreibt
Eggebrecht, Demokraten und Kommunisten, katholische
Zentrumswähler und Parteilose.
Im Sommer 1932 bildeten die Bewohner einen "Antifaschistischen Schutzbund". Mit "Geleitzügen", Trupps, die von der U-Bahn Heimkehrende begleiteten, begann es. Schließlich gehörten mehr als hundert Aktivisten dazu. Die Polizeiwache an der Deidesheimer Straße stand ihnen positiv gegenüber. Aufgrund der Vorfälle nahm auch der Selbstschutz militante Züge an. "Generalstabsmäßige Maßnahmen" zur Verteidigung der "Künstlerburg" wurden überlegt. Und Arthur Koestler spricht in seinen Memoiren noch rückblickend von einem "Hauptquartier". Die Bewohner glaubten, Keimzelle eines bewaffneten Widerstandes werden zu können. Doch noch herrschte Ruhe vor dem Sturm. Ein Vorfall, der den Bewohnern am Breitenbachplatz den kommenden Dammbruch ankündigte, war der tätliche Angriff nazistischer Provokateure am 20. Januar auf Walter Zadek, den Redakteur des Berliner Tageblatts, und dessen Frau. Dass der Angreifer die Frechheit besaß, dem getretenen und geschlagenen Ehepaar zu folgen und sich die Adresse zu notieren, signalisierte schon die Selektion der Opfer des kommenden Pogroms.
Sie hatten Mieterräte gebildet und sich auch auf einen eventuellen überfall der Faschisten vorbereitet. Doch dem dann tatsächlich stattfindenden Vernichtungsfeldzug waren sie nicht gewachsen. Am 15.3.1933 - wenige Tag nach der Reichstagswahl - überfielen SA und Polizei sowohl mit List und Tücke als auch mit Brachialgewalt die Künstlerkolonie. Sie drangen in die Häuser ein, verwüsteten die Wohnungen, schlugen die Mieter und nahmen einige fest. Die Verhafteten kamen ins Polizeigefängnis am Alexanderplatz. Einige von ihnen wurden einen Monat später entlassen. Auf dem Laubenheimer Platz hatte die SA ein Feuer angelegt, in dem sie die gerade "beschlagnahmten" Bücher verbrannte. Nur der pure Zufall rettete Ernst Busch in der Bonner Straße Nr. 11 das Leben. Der künstlerische Agitator der KPD konnte rechtzeitig - wie auch Ernst Bloch, Joachim Ringelnatz, Johannes R. Becher u. a.- emigrieren.
Am 15. März äußerte sich Goebbels über die Richtlinien seiner
"neuen Zeitungspolitik":
Viel von denen, die hier sitzen, um öffentlich Meinung zu machen,
sind dazu gänzlich ungeeignet. Ich werde sie sehr bald ausmerzen.
Zuerst wurde die Kolonie ins Visier genommen. Der
"Völkische Beobachter" darüber:
Heute Vormittag wurde durch eine Bereitschaft Schutzpolizei ... der
große Block am Südwestkorso in Wilmersdorf, der den schönen Namen
"Künstlerkolonie" führt, abgeriegelt und durchsucht. Dieser
Gebäudekomplex beherbergte seit seinem Bestehen eine Auslese übelster
Intellektueller...
Rund 300 Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler und Bildende
Künstler lebten hier bis zur Machtübernahme der Nazis in
wacher, streitbarer Freiheitsliebe
. (A. Eggebrecht). Erinnert sei
an Alfred Kantorowicz, den "rührenden Häuptling des Roten Blocks" und
seine Frau Friedel, Erich Weinert, in der Kreuznacher Straße Nr. 34,
Ernst und Karola Bloch, Peter Huchel mit Frau Dora und Tochter
"Muckelchen", Dinah Nelken ("Meine Eineinhalb-Zimmerwohnung"), Walter
Hasenclever vom Ludwig-Barnay-Platz Nr. 3, der Romancier und Essayist
Manés Sperber und Alexander Graf Stenbock- Fermer "der Rote
Graf"), Georg Hermann aus der Kreuznacher Str. Nr. 28 und Hermann Paul,
genannt "Catilina".
1933 waren fast alle Künstler emigriert. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Künstlerkolonie in Berlin. 7 Gedenktafeln sind inzwischen angebracht, ein Findling als Mahnmal für die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie steht auf dem Ludwig-Barnay-Platz.
Quellen:
Teile des Textes sind der Internetseite des Künstlerkolonie e.V. entnommen.