Zigeuner-Zwangslager Marzahn 1936-45

von Leo

Neben den Juden waren die Zigeuner (Sinti und Roma) im Dritten Reich einer gnadenlosen rassistischen Verfolgung ausgesetzt. So heißt es 1936 im Kommentar von Stuckart/Globke, letzterer später Staatssekretär der Regierung Adenauer, zu den Nürnberger Gesetzen vom September 1935:

Artfremdes Blut sind in Europa regelmäßig nur die Juden und die Zigeuner.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde an den Zigeunern aller von den Nationalsozialisten beherrschten europäischen Staaten ein Völkermord verübt, dem Hunderttausende zum Opfer fielen. In Berlin gehörte das Zigeunerlager Marzahn zur ersten Station der systematischen Ausgrenzung und Ermordung der Sinti und Roma in den Vernichtungslagern im Osten. Der äußere Anlass für die Einrichtung des Lagers Marzahn waren die Olympischen Spiele 1936. Der Sportjugend der Welt sollte eine im Sinne der Nazis von Schandflecken gesäuberte Reichshauptstadt präsentiert werden. Am 16. Juli 1936 und den folgenden Tagen wurden ca. 600 Menschen und somit ein großer Teil der Berliner Zigeuner, die überwiegend der Volksgruppe der Sinti angehörten, von ihren Standplätzen im gesamten Stadtgebiet vertrieben und zwangsweise unter Polizeibewachung auf ein Gelände bei dem Dorf Marzahn gebracht.

Die Lebensverhältnisse waren katastrophal. 150 Wohnwagen standen dicht an dicht. Im Lager gab es nur drei Wasserstellen, die im Winter häufig eingefroren waren, und zwei Toilettenanlagen. Das Lager stand unter ständiger Polizeibewachung und durfte nur mit Genehmigung zum Arbeiten oder Einkaufen verlassen werden. Für Jugendliche und Erwachsene bestand Arbeitspflicht, die Stellen wies ihnen das Arbeitsamt zu, im Kriege dann häufig bei den gefährlichen Bombenräumkommandos. Nach geringsten Verstößen erfolgte die Einweisung in ein Konzentrationslager. Obwohl das Lager offen war, war eine Flucht und das Untertauchen wegen der Denunziationsbereitschaft der Bevölkerung so gut wie unmöglich. Von den wenigen Versuchen die es gab, ist keiner geglückt, alle endeten im KZ.

Die Belegung des Lagers schwankte zwischen 400 und 1000 Insassen. Durchlaufen haben es wahrscheinlich weit über tausend, immer wieder reduziert durch Einweisungen der vorwiegend männlichen Bewohner in KZ und Zuchthäuser. Aufgrund des Himmler-Erlasses vom Dezember 1942 wurden die verbliebenen Insassen des Lagers Marzahn im März 1943 in das Zigeunerlager im KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und dort fast ausnahmslos ermordet. Nur zwei Familien sind im Lager Marzahn geblieben, 25 Menschen wurden dort Ende April 1945 von der Roten Armee befreit.