Rosen gegen das Vergessen

von Helmut

Der Gedenk-Ort gegen Verfolgung und Gewaltherrschaft auf dem Schulhof der Werner-Stephan-Oberschule wurde am 30. Mai 1996 im Beisein von überlebenden Frauen und Kindern aus dem Ort Lidice (Tschechien) eingeweiht. Diese Gedenkstelle ist das Ergebnis eines Projektes von Schülern der Werner-Stephan-Oberschule. Eine Klasse arbeitete im Schuljahr 1995/96 zum Thema Nationalsozialismus/Judenverfolgung. Nach dem Besuch von Zeitzeugen und des ehemaligen KZs Ravensbrück beschlossen sie gemeinsam mit ihren Lehrern eine Gedenkstelle auf dem Schulhof zu errichten. Sie trägt die Inschrift:

Rosen zum Gedenken an alle Verfolgten von Gewaltherrschaften
Rosen gegen das Vergessen
Lidice 1942 / Berlin 1996

Schüler während der Arbeit an der Gedenkstelle
Schüler während der Arbeit an der Gedenkstelle

Die Ortschaft Lidice wurde von den Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg als Vergeltung für den bei einem Attentat getöteten stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, niedergebrannt und dem Erdboden gleich gemacht.

Am 27. Mai 1942 wurde von zwei Widerstandskämpfern, auf Befehl der tschechischen Exilregierung in Prag, eine Bombe auf den Wagen von Reinhard Heydrich geworfen. Dieser war einer der Organisatoren des Holocaust (er nahm im Januar 1942 an der Wannseekonferenz zur Endlösung der Judenfrage teil).

Am 28. Mai 1942 wurde die Ortschaft Lidice durchsucht. Ein zurückgehaltener und geöffneter Brief an eine Angestellte in Slany erzeugte bei der Gestapo in Kladno den Verdacht auf eine Verbindung der Familie Horak aus Lidice zu den Attentätern.

Am 4. Juni 1942 erlag Reinhard Heydrich den Verletzungen des Attentates. An der Ortschaft Lidice sollte ein Racheakt für den Tod des hervorragenden Sohn des Deutschen Volkes vollzogen werden. Einen Tag nach der Beisetzung Heydrichs in Berlin, am 9. Juni 1942, trafen Befehle in Prag ein, wie mit der Ortschaft Lidice noch am gleichen Tage verfahren werden sollte:

  1. Alle männlichen Erwachsenen sind zu erschießen.
  2. Alle Frauen sind in ein Konzentrationslager zu überstellen.
  3. Die Kinder sind zu sammeln und, soweit eindeutschungsfähig, an SS-Familien ins Reich zu geben. Der Rest wird einer anderen Erziehung zugeführt.
  4. Die Ortschaft ist niederzubrennen und dem Erdboden gleichzumachen. Die Feuerwehr ist hierbei einzuschalten.

Kurz nach 21.30 Uhr umstellten Ordnungspolizei und Gestapoeinheiten das Dorf, eine Wehrmachtseinheit riegelte das Gebiet ab. Polizei und Gestapo trieben die Kinder und Frauen zusammen. Sie wurden in der Nacht in der Dorfschule festgehalten.

Am Morgen wurden die 195 Frauen und 98 Kinder abtransportiert. Ein Exekutionskommando unter SS-Hauptsturmführer Max Rostock erschoss alle 173 anwesenden Männer des Dorfes. Später auch 11 weitere, die ihre Nachtschicht beendet hatten.

Die Häuser des Dorfes wurden in Brand gesteckt, eine Einheit des Reichsarbeitsdienstes und zwei Kompanien Pioniere aus Dresden sprengten die Ruinen und beseitigen jedes Zeichen dafür, dass an jener Stelle einmal ein Dorf gestanden hatte.

Die 195 Frauen und 98 Kinder aus Lidice wurden an dem Morgen des 10. Juni 1942 in die nahegelegene Stadt Kladno gebracht. Dort wurden sie 3 Tage in einer Turnhalle festgehalten.

Am 13. Juni trennte die Gestapo die Kinder von ihren Müttern. Nur wenige Kinder wurden als eindeutschungsfähig ausgewählt. Sie entsprachen dem national-sozialistischen Ideal der germanischen Rasse und wurden an Deutsche zur Adoption abgegeben.

88 Kinder wurden in das Sammellager Lodz (Litzmannstadt) gebracht. Sieben dieser Kinder wurden ebenfalls als eindeutschungsfähig eingestuft. Sie überlebten den Krieg in deutschen Familien.

Die übrigen 81 Kinder wurden dann zuletzt am 3.7.1942 in offiziellen Akten erwähnt. In einer Lagerbestandsmeldung des Lagers Lodz werden sie als Abgang geführt. Wahrscheinlich ist, dass die 81 Kinder aus Lidice von Lodz in das nur 60 km entfernte Vernichtsungslager Chelmno gebracht und dort getötet wurden. Intensive Nachforschungen nach dem Krieg ergaben keine neuen Erkenntnisse.

Die 182 Frauen aus Lidice wurden von Kladno über das KZ Theresienstadt am 14. Juni in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Insgesamt fielen 340 Menschen aus Lidice der Mordgier der Nazis zum Opfer.

Nach Kriegsende kehrten 143 Frauen aus Lidice zurück in die Heimat, desgleichen nach zweijährigen Nachforschungen auch 17 Kinder. Im Sommer 1947 wurde neben dem ursprünglichen Dorf der Grundstein für eine neue Gemeinde Lidice gelegt. Nach und nach entstand unter kräftiger Mitarbeit Freiwilliger aus der tschechischen Republik und aus dem Ausland ein modernes Dorf mit 150 Häusern.

Das Areal des ehemaligen Dorfes Lidice wurde zu einer großen Gedenkstätte gestaltet. Die Nachricht von der Vernichtung des kleinen Ortes Lidice ging um die ganze Welt. Zu Ehren von Lidice wurden weltweit zahlreiche Gemeinden nach diesem Dorf umbenannt. Der Ort Lidice hörte nicht auf, im Denken der Menschen zu leben.