Außenlager Spandau

von Claudia

Vor dem Gebäude des heutigen TÜV in der Pichelswerder Straße in Berlin Spandau wurde 1989 der Gedenkstein mit dem folgenden Text enthüllt.

ZUM GEDENKEN AN DIE MEHR ALS TAUSEND FRAUEN UND MÄDCHEN AUS JUGOSLAWIEN, POLEN, DER SOWJETUNION UND UNGARN, DIE AN DIESER STELLE IN DER NAZIZEIT IN DEN JAHREN 1944 UND 1945 [...] IN DER DEUTSCHEN INDUSTRIEWERKE AG ZWANGSARBEIT LEISTETEN UND VON DENEN VIELE DEN TOD FANDEN...

Die lnsassinnen des KZ der Deutschen Industrie-Werke kamen überwiegend aus Ungarn, Mädchen und junge Frauen Anfang zwanzig. Im Frühjahr 1944 besetzten deutsche Truppen Ungarn, die ungarischen Juden waren die letzte große Gruppe, die im Herbst 1944 in die KZ verschleppt wurde.

Auch zahlreiche politisch Verfolgte, die am Widerstand gegen die deutschen Truppen teilgenommen hatten, wurden ins Lager Spandau verschleppt. Viele mussten von Budapest zur damaligen deutsch-ungarischen Grenze laufen, da die Waggons für Kriegszwecke gebraucht wurden.

Alle Gefangenen, die in Spandau Zwangsarbeit leisten mussten, wurden zuerst in das seit Mai 1939 bestehende Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Die Lebensverhältnisse dort waren katastrophal. Tausende Frauen sowie deren Kinder starben an Unterernährung und Krankheiten, nach Misshandlungen durch die SS und durch systematisch vorgenommene Mordaktionen. Das Lager war hoffnungslos überfüllt. Die SS pferchte immer neue Waggonladungen voller ausgehungerter, kranker Menschen in die Baracken. Als diese nicht mehr ausreichten, wurde ein riesiges MilitärzeIt aufgestellt, in welchem auch die ungarischen Frauen untergebracht wurden.

Vor dem Gedenk-Ort in Spandau
Vor dem Gedenk-Ort in Spandau

Im Januar 1945 wurden drei große Gruppen an die Standorte deutscher Rüstungsbetriebe gebracht (Spandau, Penig bei Chemnitz, Venusberg), um dort Zwangsarbeit zu leisten. Zuvor waren Firmenvertreter der Deutschen lndustrie-Werke AG (DIWAG) aus Spandau nach Ravensbrück gekommen, um sich die Arbeitskräfte auszusuchen! Die Abkommandierung zur Arbeit konnte eine Chance sein, zu überleben.

Die Frauen waren in Gruppen aus ihrer Heimat verschleppt worden, konnten sich gegenseitig Kraft und Mut geben. Jetzt wunden sie getrennt in verschiedene Lager gebracht, oder mussten in Ravensbrück elend zurückbleiben. Auf dem Gelände der DIWAG in Spandau angekommen, wurden die Frauen in einer Fabrikhalle untergebracht. Sechshundert Ungarinnen, sechzig Jugoslawinnen, zweihundert Polinnen und einige deutsche Frauen begannen mit der Arbeit für die deutsche Rüstung.

Spandau war seit dem 16. Jh. Festungs- und Militärstadt (Zitadelle, Fort Hahneberg, Kaserne Stresow). 1880 arbeiteten rund 2.000 Menschen in Spandauer Rüstungsbetrieben, 1913 schon 13.000. Zwischen 1916 und 1918 entstand die Geschossfabrik, in der später die KZ-Häftlinge arbeiten mussten, und zwei Hallen wurden zu einem Konzentrationslager umfunktioniert. Es wurden Teile für den militärischen Flugzeug- und Fahrzeugbau sowie Artilleriegeschosse hergestellt.

In und um Berlin gab es über zwei Dutzend Außenlager der KZ Sachsenhausen und Ravensbrück. Darunter kleine Arbeitskommandos, die nur 30 Personen umfassten, aber auch Lager mit über 2.500 Insassinnen. KZ-Häftlinge beschäftigten unter anderem das DEMAG-Panzerwerk, die Firmen AEG und Pertrix, die Argus-Motorenwerke, NCR (Krupp-Konzern), Henschel, die Borsig-Werke in Tegel, in Spandau neben der DIWAG der Siemens-Konzern und die Luftfahrtgerätewerke in Hakenfelde.

Für die äußere Lagerüberwachung waren 88 Männer zuständig, als Aufseherinnen wurden deutsche Belegschaftsmitglieder des betreffenden Betriebs verpflichtet. Trotz völlig unzureichender Ernährung mussten die Frauen elfeinhalb Stunden arbeiten. Arbeitsschutzbestimmungen wurden von der Werksleitung nicht eingehalten. Scharfkantige Werkstücke mussten mit ungeschützten Händen in die Maschinen eingespannt und bearbeitet werden. Die Wunden, schlecht gereinigt und verbunden, entzündeten sich und eiterten. So konnten sich aus Bagatellverletzungen ernste Krankheiten entwickeln. Unter normalen Umständen heilbare Durchfall- und Erkältungskrankheiten konnten für die ausgemergelten Körper der Gefangenen lebensbedrohlich sein.

Am 21. April 1945 wurde das Lager aus Angst vor der heranrückenden Sowjetarmee von der SS geräumt. Die Häftlinge wurden zu Fuß oder auf Lastwagen in Richtung Oranienburg getrieben, wo ihnen aber schon die Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen entgegenkamen.

Am 24. April wurden sie befreit. Viele von ihnen trugen lebenslange gesundheitliche Schäden davon, einige überlebten und kehrten 1988 auf Einladung des Spandauer Bürgermeisters zurück, um Zeugnis abzulegen.