von Peter K.
Liebe Motorradfreundinnen und -freunde, liebe Gäste, liebe Zeitzeuginnen und Zeitzeugen!
Ich freue mich, dass ich diese Veranstaltung hier, am Denkmal für die im Kampf gegen den Hitlerfaschismus Gefallenen mit einigen Worten zum Widerstand im Dritten Reich beginnen soll, weil ich meine, dass die Beschäftigung mit dem Widerstand für uns heute das Wichtigste ist, wenn wir uns mit der braunen Vergangenheit Deutschlands auseinandersetzen. Das Wissen um die Entstehung und um das Funktionieren der NS-Diktatur ist nötig, blickt jedoch in die Vergangenheit, aber hier geht es um das Handeln, also auch um Gegenwart und Zukunft!
Der kommunistische und jüdische Widerstandskämpfer Robert Uhrig schrieb 1944, kurz vor seiner Hinrichtung im Zuchthaus Brandenburg, an seine Freundin:
Ich bin vollkommen aufrecht geblieben. Vor mir selbst bin ich vollkommen gerechtfertigt, und das ist mir das Wesentlichste. Über das Urteil der Geschichte können wir noch nicht verfügen, jedoch habe ich mich immer bemüht, so zu sein, wie ich gedacht habe.
Beeindruckend daran ist für mich, dass hier ein kommunistischer Widerstandskämpfer zuallererst und nachdrücklich sich selbst als Maßstab nimmt, ich und nicht wir sagt, und das Urteil der Geschichte nicht zu kennen und zu besitzen glaubt, sondern den Nachgeborenen überlässt.
Und was haben die Nachgeborenen nicht alles über den Widerstand gegen Hitler gedacht und geschrieben. Die, sofern nicht sowieso unbekannt gebliebenen, Beteiligten mussten sich häufig den Vorwurf des Landesverrats anhören, und viele Überlebende erhielten nicht einen Pfennig Haftentschädigung, da sie ja durch ihre Widerstandstätigkeit gegen seinerzeit geltende Gesetze verstoßen hatten und deshalb als Straftäter, und nicht als Verfolgte galten.
Damit haben wir heute natürlich nichts zu tun, das verurteilen wir zu Recht! Aber waren nicht manche von uns in den Siebzigern und Achtzigern, als Studenten oder als Mitglieder oder Sympathisanten, -wie man das damals nannte-, der einen Partei oder einer anderen, beteiligt, wenn der deutsche Widerstand aufgeteilt wurde und bewertet?
In der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung mussten sich die Mutigen, die gehandelt hatten, je nach Standpunkt des Historikers, als zu inaktiv, nicht revolutionär genug oder aber nur der eigenen Parteilinie verbunden einstufen lassen, und das zuweilen von Leuten, die diese Zeit gar nicht miterlebt hatten.
Den einen war ihr Widerstand nicht wirksam genug, da nur eine zu geringe Zahl Menschen gerettet wurde, den anderen fehlte angeblich die weltgeschichtliche Perspektive und die richtige Einschätzung des Wesens des Faschismus.
Ich selbst erinnern mich gut an solche Seminare und Veranstaltungen, und ich möchte heute dafür die Gefallenen, inzwischen Verstorbenen und die noch Lebenden um Entschuldigung bitten!
Das denkende und handelnde Ich, das sich selbst zuerst als Mensch -allein oder gemeinsam- dem Unmenschlichen entgegenstellt und erst in zweiter Linie nach moralischer, historischer, parteipolitischer, wirksamkeitsorientierter Beurteilung fragt, ist das Gemeinsame und Verbindende der vielfältigen Formen der Auflehnung gegen den Nationalsozialismus, der von nonkonformistischem Protest bis zum aktiven Widerstand reicht. Und dieser Widerstand ist unteilbar!
Wer hatte es leichter, nein zu sagen? Eltern, die Einwände gegen die staatliche Erziehung ihrer Kinder erhoben, oder Persönlichkeiten wie General Blaskowitz, der gegen die Morde von SS und Gestapo in Polen 1939 protestierte?
Wer hat mehr bewirkt?: Die Jugendgruppe Baum, der im Rahmen ihrer Sabotagetätigkeit ein Brandanschlag auf eine Propaganda-Ausstellung gegen die Sowjetunion in Berlin gelang oder General von Choltitz, als er sich weigerte, Paris anzuzünden, wie Hitler befohlen hatte?
Wer brauchte mehr Mut?: Die kirchlichen Würdenträger, als sie gegen den Versuch, auch die Kirche dem Einfluss von Staat und Partei zu unterwerfen protestierten oder mutige Deutsche, die einzeln und gemeinsam bedrohten Menschen durch Einrichtung von Beratungsstellen, Besorgen von Papieren, Suche nach Fluchtwegen und Verstecken halfen.
Beispiele hierfür sind die Berliner Onkel-Emil-Gruppe, Oberst Wilhelm Staehle, der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg, der ev. Pastor Heinrich Grüber und viele unbekannt Gebliebene.
Wer hat prinzipieller, zukunftsorientierter gehandelt? Der aktive, auf Attentate und gewaltsamen Umsturz gerichtete Widerstand mit dem Ziel der Bildung einer Übergangsregierung, einer anderen politischen Ordnung? Hier blieb aufgrund der Zerschlagung der Arbeiterbewegung und der Machtfülle des NS-Regimes eigentlich nur die Armee als Träger übrig. Bereits 1938 gab es Vorbereitungen für einen Staatsstreich im Umkreis des ehemaligen Freikorpsführer Heinz und Mitgliedern des Stahlhelm. Im November 1939 plante der Diplomat Erich Kordt, Hitler mit der Pistole zu erschießen. General Hans Oster hatte bereits einen Scharfschützen für denselben Zweck zur Abwehr abkommandieren lassen. Andere Versuche mit Schusswaffen und Sprengstoff folgten, und das bekannte Attentat des Grafen Claus Schenk von Stauffenberg vom 20 Juli 1944 war bereits dessen dritter Versuch. Viele dieser Attentatsversuche der letzten Jahre stehen im Zusammenhang mit den Aktivitäten des adlig-militärisch, aber auch christlich-sozial geprägten Kreisauer Kreises und der Goerdeler-Gruppe aus dem bürgerlich-zivilen Lager, deren Mitglieder, national-konservativ wie sie z.T. waren, den Beginn des Nationalsozialismus durchaus begrüßt hatten und erst im Laufe seiner Entwicklung zu aktiven Widerstandskämpfern wurden.
Oder waren die vielfältigen propagandistischen Aktivitäten der Kommunisten und Sozialdemokraten, wie Herstellung und Verbreitung von Flugblättern, illegalen Zeitungen und anderen Schriften grundsätzlicher und zukunftsorientierter?
Wer war radikaler? Die Weiße Rose oder Vertreter sozialistischer Organisationen wie der SAP (z.B. Willy Brandt) und Neu Beginnen, die nach ihrer Emigration vom Ausland aus gegen das Dritte Reich agieren und unterdrückte Informationen der freien Presse zugänglich machen konnten?
Vom wem können wir mehr lernen? Von den Zeugen Jehovas, die Eid und Kriegsdienst ablehnten und deshalb brutal verfolgt wurden? Von ca. 6000 Mitgliedern wurden 5900 verhaftet, über 2000 ermordet.
Bei manchen von ihnen, wie dem 17jährigen Jonathan Stark, genügte bereits die Eidesverweigerung beim Arbeitsdienst. Oder können wir von dem Münsteraner Bischof von Galen mehr lernen, der mutige Predigten gegen die Euthanasie hielt?
Wer hat mehr Achtung verdient? Kurt Gerstein, der SS-Mann wurde, um herauszubekommen, was in Treblinka geschah, und der hoffte, durch Bekanntmachen dieser Greueltaten im Ausland die Massenmorde aufhalten zu können. Oder die Deserteure, Überläufer und die sich selbst verwundeten, um dem weiteren Einsatz zu entgehen? Auch dies ist ein Akt des Widerstands. Gegen Kriegsende versteckten sich deutsche Soldaten in unzugänglichen Gebieten wie dem Harz, schlossen sich in Frankreich oder auf dem Balkan dem einheimischen Widerstand an. Die Offiziere des Nationalkomitees Freies Deutschland schlossen sich aus der Kriegsgefangenschaft heraus dem Gegner an.
Wer musste sich mehr überwinden? Die Eides- und Kriegsdienstverweigerung war damals in Deutschland traditionell weitestgehend unbekannt und unerprobt.
Trotzdem gab es einzelne, die sich zur Verweigerung durchrangen, wie z.B. Martin Gauger, der erst den Beamteneid auf Hitler und dann die Befolgung seiner Einberufung verweigerte und nach Flucht in die Niederlande in Buchenwald ermordet wurde.
Oder gab der Generalstabschef der Wehrmacht, Ludwig Beck, mehr auf, als er seine Entlassung beantragte, weil er nicht an Hitters Kriegsplänen mitarbeiten wollte?
Schließlich: Wer handelte vorbildlicher und verantwortungsvoller? Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die gezielte Sabotage in der Kriegsindustrie verübten, wozu es in der kommunistischen illegalen Presse Anleitungen gab? Oder die Offiziere Hans von Dohnanyi und Helmuth von Moltke aus dem Kreis um Abwehrchef Admiral Wilhelm Canaris, die jüdischen Mitmenschen zur Flucht ins Ausland verhalten?
Die Fragen und die Beispiele ließen sich noch lange fortführen: Diese Frauen und Männer haben, bei aller Unterschiedlichkeit, im Sinne Robert Uhrigs gedacht und gehandelt: Sie waren, wie sie gedacht haben. Zwölf Namen stehen an dieser Wand, stellvertretend für die vielen namhaften und namenlosen mutig Handelnden.
Wir wollen nun ihrer gedenken!